Time-Out-Raum

1. Der Time-Out-Room (TOR-Raum)

Schüler mit Beeinträchtigungen im emotionalen und sozialen Bereich haben im Schulalltag in dieser Schule im Verhältnis zu Schülern an Regelschulen häufiger das Bedürfnis nach räumlicher Distanz zum Unterrichtsinhalt, zu den Mitschülern sowie zu den Mitarbeitern dieser Schule.
Die Schüler betreten das Schulgebäude nicht unbedingt mit Vorfreude auf den Unterricht und den Schultag, sondern kommen häufig bereits mit unreflektierten Erlebnissen aus ihrem familiären und sozialen Umfeld in die Schule. Aus Sicht der Schüler können Unterrichtsinhalte zur Nebensache werden und der Drang des Mitteilens und die Unsicherheit über diese unreflektierten Erlebnisse steigen im Laufe des Vormittages an. Hinzu kommt noch, dass sie in dieser Schule in der Regel auf Mitschüler treffen, denen es emotional ähnlich geht. Das hat eine Potenzierung der Atmosphäre zur Folge.
Um dem Schüler einen Schulvormittag zu ermöglichen, an dem er offen ist für Unterrichtsinhalte und er einen Raum vorfindet, in dem er seine diffusen Unsicherheiten mit professioneller Begleitung thematisieren kann. Es entstand ein angenehmer Raum mit eigener Atmosphäre und es entwickelte sich ein neuer pädagogischer Ansatz für die Schule auf der Bult.

2. Ziele des TOR-Raums

1. Der TOR-Raum trägt zusätzlich dazu bei, den sonderpädagogischen Förderbedarf zu berücksichtigen.

2. Bedürfnisorientierung und Beruhigung statt Defizitorientierung
Die sozial – emotionalen Bedürfnissen der Schüler haben Vorrang. Ziel ist , das die Schüler bedürfnisorientiert sonderpädagogisch begleitet werden und soweit zur Ruhe kommen, dass sie wieder am Unterricht und Schulleben teilnehmen können.

3. Entschärfung der Klassen- und Gruppensituation
Die „konfliktanfällige“ Klassen –und Gruppensituation hat durch die temporäre und räumliche Distanz des bedürftigen Schülers eine deeskalierende Wirkung für alle Beteiligten und eine lernfördernde Atmosphäre wird wiederhergestellt.

4. Kooperation zwischen allen Mitarbeitern
Es muss eine stetige Kooperation zwischen den TOR-Mitarbeitern und den Lehrkräften angestrebt werden, damit der TOR-Raum nicht zur Abgabestation unbequemer Schüler wird. Nur durch Kooperation kann ein Handlungsspektrum der Lehrer bei der emotional-sozialen Entwicklung erweitert werden.

3. Um die Ziele des TOR-Raumes zu erreichen, werden folgende Methoden eingesetzt

Der Schüler soll mit seinem inneren Einverständnis und freiwillig entweder von sich aus oder auf Empfehlung der Lehrkraft den TOR-Raum aufsuchen. (Ein ausgeübter Zwang auf den Schüler würde dazu führen, dass der Schüler diesen Schritt als Strafe empfinden könnte. Der TOR-Raum würde somit schon im Vorfeld für den Schüler „negativ besetzt“ sein.)
Die Lehrkraft füllt zusammen mit dem Schüler einen Zettel aus, auf dem das aktuelle Bedürfnis des Schülers angezeigt wird. Mit diesem Zettel begibt er sich zum TOR-Raum und übergibt diesen Zettel der dort anwesenden Fachkraft.
Eine (sonder-)pädagogische Kraft empfängt den Schüler und nimmt den An- und Abmeldezettel entgegen. Die Fachkraft klärt mit dem Schüler das Bedürfnis und die Möglichkeiten des Tor-Raumes ab.
Damit der Schüler wieder im Rahmen seiner Möglichkeiten am Unterricht teilnehmen kann, werden im Tor-Raum folgende Materialien und Methoden angeboten:

  • Gespräch mit der Fachkraft, Unterstützungsangebote zur Konfliktklärung
  • Konzentrationsspiele und Partnerspiele
  • Malutensilien
  • Raum und Zeit zur Weiterarbeit an Unterrichtsinhalten (wenn vom Schüler die Bereitschaft geäußert wird)
  • Sofa und Sessel zum „Chillen“
  • Zeitschriften und Bücher

 

4. Rahmenbedingungen im TOR-Raum

  • Der Time-Out-Room ist für Schüler aus den Klassen 6-9 und den BOK-Klassen konzipiert und kann täglich von der 1. – 4 Stunde genutzt werden.
  • Es halten sich max. 4 Schüler im TOR auf. Ist der Raum voll besetzt, wird ein Schild an der Tür hängen „Momentan voll belegt“. Der Schüler klopft und lässt sich den Zettel abzeichnen.
  • Im Tor- Raum gelten folgende Regeln, die Jeder zu befolgen hat:

•Ich klopfe an.
•Ich spreche leise.
•Ich verhalte mich leise.
•Ich gehe zu der Aufsichtsperson und gebe den Zettel ab.
•Ich überlege was mir „guttut“ (chillen, lesen, spielen, malen, Musik hören, lernen)
•Mit der Aufsichtsperson kann ich jederzeit sprechen.
•Wenn ich wieder in der Lage bin am Unterricht teilnehmen zu können, gehe ich mit dem Abmeldeabschnitt in die Klasse zurück.

 

7. Raumgestaltung

Der Time-Out-Room unterliegt einer ruhefördernden und entspannenden Raumgestaltung.
An Einzelarbeitsplätzen können sich die Schüler zurückziehen, wenn sie alleine und in Ruhe spielen, malen oder arbeiten möchten.
Eine Sitzecke, mit einem Sofa und zwei Sesseln, lädt zum Verweilen, Spielen, Lesen oder miteinander Reden zu Zweit oder in einer kleineren Gruppe ein.
Beruhigende Wandfarben und Ornamente, Blumen und Deckenleuchter runden die entspannende Atmosphäre ab und bilden somit eine Abgrenzung zum „traditionellen Klassenraum“.

 

8. Erfahrungen aus den vergangenen Schuljahren

Im Schuljahr 2009/2010 wurde der Time-Out-Room ein Schuljahr genutzt. Zum Ende des Schuljahres 2009/2010 wurden Klassenlehrer und Schüler aus den 6 – 9 Klassen zu verschiedenen Kriterien des Time-Out-Rooms.

Zusammenfassend lassen sich wichtige Erkenntnisse ziehen:

  1. Der Großteil der Schüler empfindet den Time-Out Room nicht als Strafe.
  2. Der Großteil der Schüler konnte sich im Time-Out-Room beruhigen und danach wieder am Unterricht teilnehmen oder Konflikte ruhiger lösen..
  3. Da der Time-Out-Room für die 6. Klassen räumlich zu weit entfernt ist, nutzen sie ihn weniger. Das Bedürfnis ihn zu nutzen ist aber vorhanden.
  4. Der Großteil der Klassenlehrer gab an, dass sie den Time-Out-Room nutzen, um wieder eine entspannte und unterrichtsfördernde Lernatmosphäre zu erreichen und dem Schüler einen „Neustart in den Tag“ zu ermöglichen.
  5. Ein Großteil der Schüler wünscht sich weitere, altersansprechende Zeitschriften, Bücher und Gesellschaftsspiele.

Die Umfrage bei den Klassenlehrern und den Schülern machte deutlich, dass der Time-Out-Room mit seiner Zielsetzung erfolgreich angenommen wurde.
Um weiterhin den schülerorientierten Blick zu behalten, liegt es im Ermessen jeder einzelnen Lehrkraft, inwiefern sie den Time-Out-Room als bedürfnisorientierte Möglichkeit, einen Schüler außerunterrichtlich aufzufangen, nutzt.